Texte aus der HUDA
Geschlechterdemokratie - ein Thema im Islam?
Der Begriff „Demokratie“ kommt vom griechischen und steht in Verbindung mit einem soziopolitischen Zustand, der zwischen 510 und 420 v. Chr. in Athen verwirklicht wurde. Wie es dem Wort zu entnehmen ist, bedeutet „Demokratie“ Volksherrschaft (demos (Volk) kratein (herrschen). Im Brockhaus wird Demokratie folgendermaßen definiert: die Demokratie ist eine Form des politischen Lebens, die von der Gleichheit und Freiheit aller Bürger ausgeht und die Willensbildung der Gemeinschaft oder des Staates vom Willen des gesamten Volkes ableitet. Das Volk ist berufen, als Träger der Staatsgewalt, seinen Willen in Mehrheitsentscheidungen kundzutun.“
Die Durchsetzung der Demokratie im Laufe der Geschichte und in verschiedenen Gesellschaften hatte unterschiedliche Formen angenommen. Sie unterlag einer Entwicklung, die oft den Widerständen seitens der totalitären und diktatorischen Mächte gegenüber stand.
Die Grundprinzipien der Demokratie in der Politik sind „Gleichheit“ und „Freiheit“ aller Bürger. Als Bestimmungsmerkmal für das demokratische Ethos wurde die „Gerechtigkeit“ genannt.
Ich möchte zuerst diese drei Begriffe aus islamischer Sicht erläutern, damit danach die Darstellung unserer praktischen Arbeit besser zu erfassen ist.
Die Erschaffung der Menschen aus einem einzigen „Wesen“, wie im Qur’an (Sure 4, Vers 1) erwähnt wird sowie im Zusammenhang mit anderen Stellen, ist eine ausdrucksvolle Aussage, dass die Menschen gleichwertige Geschöpfe sind. Ich benutze bewusst den Ausdruck „Gleichwertig“ und nicht „Gleichheit“. Denn weder Mann und Frau noch alle Menschen sind „gleich“. Jeder Mensch ist ausgestattet mit besonderen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Gott hat allen Menschen Denkvermögen, Verstand und Entscheidungsfreiheit mit auf den Weg gegeben. Jeder Mensch entwickelt sich entsprechend seinen persönlichen Besonderheiten und seinem soziologischen Umfeld anders. Jeder Mensch entfaltet sich im Rahmen seiner Möglichkeiten und hat seine persönliche spezifische Lebensweise. Der Mensch (Mann und Frau!) ist, laut Qur’an (Sure 33, Vers 72), der Treuhänder dieser Welt. Das heißt, sein Leben auf dieser Erde hat Sinn und Zweck. Er hat Aufgaben, die er verantwortungsbewusst erfüllen sollte. Hierin gibt es keinen Unterschied, ob ein Mensch Mann oder Frau ist, zu einer bestimmten ethnischen Gruppe gehört oder eine bestimmte Hautfarbe hat. Denn „ die Unterschiede in den Sprachen, Hautfarben und Völkergruppen sind keine Auszeichnung für einen oder anderen. Sie sollen uns motivieren, uns gegenseitig kennen zu lernen und anzuerkennen.“ (Qur’an, Sure 49,Vers13). Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, bekommt seinen Lohn gemäß seiner Arbeit und seinem Einsatz, dies ist eine qur’anische Aussage, die auch auf die Gleichwertigkeit der Menschen hinweist (Qur’an, Sure 4, Vers 32)
„Mann und Frau sind für einander Beschützer und Helfer. Sie sind füreinander wie ein Mantel, der den anderen umhüllt und schützt.“ Wenn wir die zahlreichen Stellen im Qur’an betrachten und sie wissenschaftlich untersuchen (historische Hintergründe, vorhandene gesellschaftliche Strukturen in der Offenbarungszeit und im Offenbarungsumfeld), können wir feststellen, dass im Qur’an eine Über - oder Unterordnung zwischen Mann und Frau nicht vorhanden ist.
Der Mensch hat die Entscheidungsfreiheit: auch hier ist im Qur’an von „Mensch“ die Rede (Mann und Frau). Jeder Mensch kann sein Leben, entsprechend seiner Möglichkeiten und seinem Verständnis und seinen Wahrnehmungen, gestalten. Er kann nicht gezwungen werden, sich für eine bestimmte Lebensweise zu entscheiden. Die Aussage „ es gibt keinen Zwang im Glauben“(das arabische Wort, das als „Glauben“ übersetzt wird, heißt „din“ und bedeutet: „Lebensweise“, Qur’an, Sure 2, Vers 256) betont, dass es Zwang nicht geben darf. In anderen Stellen wird sogar der Prophet, der manchmal, aus Liebe zu Menschen, in der Verkündung seiner Botschaft zu eifrig war, von Gott ermahnt, dass er nur ein Warner und Ermahner sei. Er kann und darf keinen dazu zwingen, an seine Botschaft zu glauben. Die Freiheit, sich zu entfalten und eigene Wege im Leben zu finden, wird durch die Aussage untermauert, dass jeder Mensch nur für das, was er tut verantwortlich ist. Er kann sich frei entscheiden, welchen Weg er in seinem Leben auswählen möchte. Er wird aber für die Konsequenz seiner Lebensweise und seinen Handeln zur Rechenschaft gezogen. Dies bedeutet, dass die Freiheit seine Grenzen hat: sobald die persönliche Freiheit die Würde und die Freiheit der anderen Menschen verletzt, kann sie nicht mehr als persönliche Freiheit deklariert werden und muss zum Wohle der Allgemeinheit eingeschränkt werden.
Die „Gerechtigkeit“ wird als Bestimmungsmerkmal für das demokratische Ethos bezeichnet. Ohne Gerechtigkeit kann es keine Demokratie geben. Daher ist es zu bedenken, wie demokratisch die heutigen Demokratien sind. Der Schwerpunkt der Problematik sollte nicht nur auf Geschlechterdemokratie, sondern auf „Demokratie“ an sich gelegt werden.
Gerechtigkeit ist (nach Aristoteles) jener Grundwert des menschlichen Zusammenlebens, der an das Verhalten des Einzelnen wie der Gemeinschaft in ihren verschiedenen Formen die Forderung stellt, jedem zukommen zu lassen, was ihm gebührt und Gleiches gleich zu behandeln ( Der Brockhaus). Gerechtigkeit ist eine Aufgabe, für deren Erfüllung sich der Mensch auf dieser Welt einsetzen soll (Qur’an, Sure 5, Vers 8). Jeder Mensch hat Rechte und Pflichten, und die Gesellschaft muss dafür sorgen, dass der Mensch seine Rechte bekommt und in Erfüllung seiner Pflichten nicht gehindert wird. Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder gemäß seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten sich einbringen sollte. Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass alles gleich ist und alle das Gleiche leisten sollen.
In dieser kurzen Ausführung wird deutlich, dass die islamische Lehre keinen wertbezogenen Unterschied zwischen den Geschlechtern macht. Der Mensch wird wie die meisten Geschöpfe dieser Welt als Paar erschaffen. Aus biologischen Gründen haben Männer und Frauen unterschiedliche Rollen in der Schöpfung, die nicht zu leugnen sind. Diese Unterschiede bedeuten aber nicht, dass ein Geschlecht besser oder schlechter als das andere ist. Die Unterschiede ergänzen sich, und gemeinsam bilden sie eine Einheit.
Im Qur’an wird erwähnt, dass Gott Mann und Frau erschaffen hat, damit sie beieinander Ruhe und Geborgenheit finden. Für die sozialen Rollen und Aufgaben sind im Qur’an keine Stellen zu finden, die darauf hinweisen, dass dem Mann und der Frau nur bestimmte Rollen, aufgrund ihrer Geschlechter, zugewiesen werden können. Dass Mann und Frau von Natur aus besondere unterschiedliche Fähigkeiten haben, ist plausibel. Wenn wir die Natur beobachten, stellen wir fest, dass es unter allen Geschöpfen, instinktiv und intuitiv unterschiedliche Verhaltensweisen der Geschlechter gibt. Der Islam legt besonderen Wert auf die natürlichen Bedürfnisse und bezeichnet sie als Zeichen Gottes, worauf der Mensch besonders achten soll.
Die natürlichen Unterschiede bedeuten nicht, dass die Geschlechter in eine bestimmte Rolle gezwungen werden sollen.
In der Praxis und in den von Menschen aufgestellten Regeln werden häufig die Rechte der muslimische Frauen massiv eingeschränkt. Ihnen werden aufgrund ihres Geschlechtes die Freiheiten und Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer persönlichen Fähigkeiten oft verwehrt.
Aus islamischen Sicht ist die Zusammenarbeit der Geschlechter möglich, wenn sie sich gegenseitig als gleichwertige Menschen betrachten. Jeder Mensch kann sich, beruhend auf die islamischen Werte und Prinzipien, äußern und sein Verständnis vom Islam und seine Werte darstellen. Die Menschen können sich gemeinsam mit Themen auseinandersetzen, die ihnen allen als Menschen angehen. Es existieren einerseits menschliche Bedürfnisse, die bei allen Menschen unabhängig vom Geschlecht gleich sind und andrerseits geschlechtspezifische Bedürfnisse. Bezüglich der allgemeinen menschlichen Bedürfnisse können die Gespräche zwischen den Geschlechtern zu gegenseitige Bereicherung beitragen. In diesem Bereich stehen Wissen, Ehrlichkeit und Kompetenz und nicht das Geschlecht im Vordergrund. In dem Bereich der geschlechterspezifischen Belange bemühen sich, besonders die Frauen, durch den Austausch der persönlichen Erfahrungen und des Wissens sich gegenseitig zu helfen.
..... und dass zu deinem Schöpfer und Erhalter die endgültige Heimkehr ist, und dass Gott lachen und weinen lässt, und dass Er Leben und Tod gibt, und dass Er beide Geschlechter erschaffen hat, männlich und weiblich..(Qur’an, Sure 53, Vers 43-46)
Die Menschen sind als Mann und Frau erschaffen, darin liegt ein Anreiz des Lebens und die Herrlichkeit der Schöpfung, wenn wir die Unterschiede nicht nur als Anlass zu Auseinandersetzungen betrachten, sondern ihren tiefen Sinn erfassen und dementsprechend leben und handeln.
Die Geschlechterdemokratie soll nicht zu einer zwanghaften Verteilung der Arbeit in der Form führen, dass in jedem Bereich eine gleiche Anzahl von Männern und Frauen arbeiten müssen. Geschlechterdemokratie ist mehr die Schaffung der Möglichkeiten, dass jeder Mensch, ungeachtet seines Geschlechtes, gemäß seinen Interessen, Fähigkeiten und natürlichen Bedürfnissen sich frei entfalten kann und darf.
Hamideh Mohagheghi