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Mahnwache "Muslime gegen Terror"
Die Initiative für eine Mahnwache "Muslime gegen Terror" ging von jungen Leuten des Schura-Rates der islamischen Gemeinden Hamburg aus. Sie wurde an jedem Dienstag im Dezember im vorweihnachtlichen Einkaufszentrum der Hamburger City durchgeführt und fand offensichtlich ein positives Echo.
Der Stand, bestehend aus einem Tisch und einem großen grünen Schirm, wurde mit einer Decke, Kerzen und Blumen dekoriert, und es gab Kekse für die Besucher. In einem Flyer hieß es unter anderem:
"Seit dem 11. September werden wir Muslime durch die Medien ständig mit dem Terror in Verbindung gebracht, was uns zutiefst bedrückt. Wenn wir hören, dass manche unserer Mitbürger Angst vor uns Muslimen haben und uns als potenzielle Gefahr sehen, alarmiert uns dies. Gefühle wie Angst, Verzweiflung und Unsicherheit haben neue Wege und Methoden gefunden, um das alltägliche Leben der Menschen zu beeinflussen. In einem undurchschaubaren Chaos wurden die Menschen in Gut und Böse geteilt, ohne sich selbst zu einer Seite bekannt zu haben ... In den Medien wird von "islamischen Terroristen" und "muslimischen Attentätern berichtet. Das alles passt zum Feindbild Islam, das systematisch aufgebaut wurde und heute seinen Triumph feiert. Dadurch stehen Muslime unter Generalverdacht ...
Aber wer sind eigentlich diese Muslime? Das ist Dein Nachbar nebenan, Dein Gemüsehändler und Dein Dönerladenbesitzer, Deine Kollegin auf der Arbeit, Dein Kommilitone an der Uni, Deine Mitschülerin an der Schule und die Putzfrau, die Du jeden Morgen grüßt. Muslime, über 100.100 in Norddeutschland, triffst Du täglich auf der Straße, im Bus oder in der Bahn. Bevor Du das nächste mal vom "muslimischen Terror" sprichst, erinnere Dich bitte auch an diese Mitbürger, die ebenfalls Angst und Unsicherheit verspüren und sich genauso wie Du gemeinsam gegen diesen Terror engagieren ...
In mehreren Verlautbarungen haben wir Muslime, wie auch unzählige muslimische Gelehrte und islamische Organisationen, den Terror verurteilt und den Versuch, ihn religiös zu begründen, als vom Grundsatz her falsch und als unislamisch dargestellt ... Heute möchten wir noch einmal ausdrücklich klarstellen:
Wir Muslime distanzieren uns vom Terror in jeglicher Form, sei es der am 11. September, der Anschlag in Madrid oder das Geiseldrama von Belan. Ebenso verurteilen wir den Staatsterror und menschenverachtende Taten wie z.B. auf Guantanamo und in Abu Ghraib.
Islam bedeutet Frieden. "... Und die wahren Diener des Allbarmherzigen sind jene, die sanftmütig auf Erden einhergehen, und wenn die Unwissenden sie ansprechen, sagen sie: "Friede!" heißt es im Koran (25:63). Der Frieden ist das höchste Gut auf Erden, das angestrebt werden soll. Mit kaltblütigen Mördern und selbsternannten Märtyrern hat der Islam nichts gemeinsam. Der Islam ist eine friedenschaffende, gerechte und barmherzige Religion. Im Koran steht: "... Wer einen Menschen tötet, dann ist es, als ob er die gesamte Menschheit getötet habe. Und wer einem Menschen das Leben rettet, dann ist es, als ob er der gesamten Menschheit das Leben gerettet hätte ... (5:32).
Wir wünschen uns Toleranz und möchten gerne unseren Teil zu einer wirklich pluralistischen Gesellschaft in diesem Land beitragen. Dazu gehört, dass wir miteinander sprechen und uns gegenseitig kennen lernen. Wir wollen als Bereicherung der kulturellen und religiösen Vielfalt in diesem Land und damit als integraler Bestandteil dieser Gesellschaft verstanden werden. Wir strecken unsere Hände allen Friedliebenden entgegen und freuen uns auf einen fairen Dialog."
Der Stand stieß auf großes Interesse. Gleich am ersten Tag wurden doppelt so viele Flyer verteilt wie erwartet, so daß ein Nachdruck in Auftrag gegeben werden mußte. Auch Medienvertreter, die durch eine Pressekonferenz auf die Mahnwache aufmerksam gemacht worden waren, stellten sich ein. Es gab angeregte, interessante Gespräche mit Passanten. Natürlich gab es auch einige wenige, die die Aktion kritisierten oder auch die Muslime im Allgemeinen beschimpften, aber die Muslime am Stand konnten damit gelassen umgehen und die Betreffenden freundlich bitten weiterzugehen. Es ist unmöglich, alle Menschen zu erreichen. Überwiegend war die Reaktion aber sehr positiv. Das spiegelt sich auch in den Eintragungen im Gästebuch wieder, wie in den folgenden Beispielen:
"Missbrauch von Religion gibt es in allen Religionen - danke, dass ihr deutlich macht, dass ihr nicht in denselben Terrortopf gehört - ich wünsche Euch Mut, Kraft, Ausdauer und ganz viel Unterstützung von allen Menschen guten Willens! Gott mit Euch..."
"Eine gute Idee, die mich fast vom Einkaufen abgelenkt hat. Ich werde diese Initiative unterstützen und zu ihrer Verbreitung beitragen."
"Es ist schlimm, wenn Terror/Gewalt in einem Atemzug mit dem Islam genannt wird. Das sind wieder die typischen Vorurteile und Ängste dem Fremden gegenüber, die wir hier in Deutschland ja leider schon kennen. Mögen irgendwann einmal Annäherungen möglich sein!"
"Auf der Mönckebergstraße in Hamburg stehen junge Leute mit dem Motto "Muslime gegen Terror". Das finde ich wunderbar, ein Beitrag dazu, mit dem Vorurteil aufzuräumen, ALLE Muslime (im hässlichen Neudeutsch: Islamisten) wären Terroristen. Überall auf der Welt leben Menschen, und wir wollten damals auch nicht als Deutsche mit den Nazis gleichgesetzt werden. Ich wünsche Euch und uns Erfolg."
Der Stand befand sich am Ida-Ehre-Platz direkt neben dem Schild mit dem Straßennamen, und da kam auch etwas herausfordernd die Frage, ob die jungen Leute denn wüssten, wer Ida Ehre war. Nun war ihnen der Platz zwar ohne ihr Zutun zugewiesen worden, aber sie waren zur großen Überraschung des Fragenden informiert: Ida Ehre war eine jüdische Ehrenbürgerin der Stadt Hamburg (1900-1989) und war Schauspielerin und Theaterleiterin.
Der Dezember war in diesem Jahr sehr kalt, so dass warme Mäntel, Schals und doppelte Socken nicht immer ausreichten. Aber dann gab es wiederum liebe Menschen, die Tee und warme Suppe mitbrachten. So war denn zumindest das zwischenmenschliche Klima warm. Das gibt Hoffnung, dass in der Zukunft weitere Brücken der Verständigung und des Miteinanders entstehen.
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