Rabi'a von Basra - eine muslimische Mystikerin

Rabi’a von Basra- eine muslimische Mystikerin

Die mystischen Dimensionen des Islam sind in der westlichen Welt wenig bekannt und noch weniger wird wahrgenommen, dass zahlreiche muslimische Frauen als Asketinnen und Mystikerinnen die Mystik im Islam gegründet und geprägt haben. Sie haben durch ihre Lebensweise den Weg gezeigt, die Nähe zu Gott nicht durch den Glauben allein, sondern durch Liebe und Erfahrung zu erleben. Sie haben mit ungewöhnlichen Mitteln und ihrem Lebensweg die Menschen in die geheimnisvollen Welt des geistiges Erlebens geführt und sich teilweise gegen das traditionelle und profane Religiositätsverständnis gestellt.

Die islamische Mystik ist bekannt als „Sufismus“, der sich auf das Wort suf (Wolle) bezieht. Die Sufis verstehen sich als Wanderer, die dem endlosen Suchen nach Gott folgen und immer vorwärts schreiten müssen, um ihre Sehnsucht zu stillen. Die ersten Sufis trugen ein einfaches Wollgewand, das sie vor Wärme und Kälte schützte, es war auch ihr besonderes Kennzeichen.

Es gibt unterschiedliche Definitionen des Sufismus, die seine vielfältigen Aspekte beschreiben. Einige definieren ihn als „ nichts zu besitzen und von nichts besessen zu werden“; die anderen meinen, dass der „ Sufismus nicht aus Praktiken und Wissenschaften besteht, sondern Moral sei.“ Allgemein sind die Sufis bekannt für ihre asketische Lebensweise, die Gott im Mittelpunkt stellt und alle menschliche Taten und Begierden nach Gott richtet. Die Sufis bemühen sich, streng nach Gottes Anordnungen zu leben, allerdings ist für sie die tiefe Bedeutung der Anordnungen und nicht die äußere Form wichtig.

Sie sehen diese Welt als Schein und nicht Wirklichkeit, in der der Mensch nur für eine kurze Zeit lebt und sich auf das ewigen Leben und die Vereinigung mit Gott vorbereitet. Die materiellen Errungenschaften und Begierden haben für sie keine Bedeutung, darin sehen sie die Versuchung, von Gott entfernt zu werden.

Mystik wurde zunächst real gelebt, erst im 10. Jh. hat sie sich als Lehre und geistige Bewegung neben den anderen Wissenschaften behauptet. In einer Zeit, in der die anderen Wissenschaften wie Qur’anauslegung, Überlieferungswissenschaft, religiöses Recht und spekulative Theologie in voller Blüte standen.

Die tiefe Religiosität ist das Anliegen des Sufismus. Der Mensch ist aufgerufen, alles was er aus seiner Religion kennt zur Richtschnur seines Lebens zu machen und sein Denken und Handeln dem religiösen Streben unterzuordnen. Der Mensch als vielschichtiges Wesen ist, nach den qur’anischen Darstellungen, in bester Form erschaffen und kann „der niedrigste der Niedrigen“ (Sure 95, Vers 5) werden, wenn er sich nicht auf Gottes Weg begibt. Die niederen und tierischen Aspekte in seinem Charakter wie Gier, Neid, Zorn und sein Hang zum Blutvergießen können seinen göttlichen Ursprung und seine Verbindung zu Gott vergessen lassen. Er ist aber auch befähigt, durch das Denkvermögen, die Vernunft und Liebe sein Lebensziel auf Gottes Kenntnis und Befolgung Seiner Anordnungen auszurichten.

Nach der sufischen Überzeugung kann der Mensch als wahrer Diener Gottes die Freiheit erlangen, die ihm ermöglicht, die Stufen der Vollkommenheit empor zu steigen. Das Ziel des sufischen Weges ist es, dass der Mensch durch Gottes Liebe und Annäherung die Vollkommenheit erreicht, die ein Mensch als Gottes Diener (abd) erreichen kann.

Der Weg zur Vollkommenheit führt über Selbstreinigung und Selbsterziehung. Die Bemühung, dieses Ziel zu erreichen, wird im Sufismus als höchste Aufgabe des Menschseins gesehen. Die Sufis sehen die große Askese darin, innerlich ausschließlich mit Gott beschäftigt zu sein und äußerlich Gottes Geschöpfen zu dienen und ausgeglichen unter ihnen zu leben.

Der Mensch erreicht, nach Sufiverständnis, die Vollkommenheit sowohl in Vernunft und Weisheit als auch in Liebe. Durch die Liebe und Weisheit verschmilzt er in der Einheit der Schöpfung letztendlich mit Gott. Dieser Zustand, der ausgeprägt von Gottes Liebe und Vertrauen auf Ihn ist, lässt den Menschen aushalten und zufrieden sein mit dem, was Gott für ihn vorgesehen hat. Dieses Vertrauen ist kein passives und blindes Vertrauen, es ist stets begleitet durch Liebe und Weisheit.

Am Anfang des Weges stehen die Gebote des Islam und am Ende das Erreichen der Schwelle der Wahrheit (haqiqat). Die Reise zur Vollkommenheit auf dem mystischen Pfad beginnt durch die Anziehungskraft, die sowohl das „Rufen Gottes“ ist als auch das „Suchen und angezogen werden“ des „ sich auf den Weg begebenden“.

„Wer Sich selbst kennt, kennt seinen Schöpfer und Erhalter“, diese bekannte Aussage unter Sufis und die Verse im Qur’an, die im Menschen die „Zeichen Gottes“ sehen, sind für die Sufis die zentralen Aussagen, um sich selbst zu erkennen, um Gottes Erkenntnis zu erlangen. Die Zurückgezogenheit und die Absagung der weltlichen Bindungen sind die ersten Schritte einer Entdeckungsreise in das eigene Ich .

Durch Selbstüberwindung und geistige Training bändigen die Sufis ihr Ego (nafs), bis sie das „Schönmachen der Charaktereigenschaften“ erlangen. Selbsterkenntnis bedeutet, sein Herz zu erforschen , um in ihm - und damit in sich selbst - die Stelle des Göttlichen zu entdecken. Der Weg zu dieser Kenntnis ist mit Überwindungen, Entschlüssen und Kehrtwendungen verbunden, es ist ein langer und mühseliger Weg, den nur Menschen einschlagen können, die geduldig und einsichtig sind; der Weg ist mit viel Drangsal, Niederlage und Wehmut verbunden. Die folgende Aussage von Al-Ghazali wird sinngemäß auch von anderen Asketinnen und Asketen berichtet, sie beschreibt, wie sie sich am Beginn ihrer Reise gefühlt haben: „ Am Morgen war ich von dem wahrhaftigen Verlangen nach dem Jenseits beseelt, am Abend wurde dieser Wunsch von der Streitmacht der Neigungen angegriffen, so dass er wieder nachließ. So rissen mich die Leidenschaften der Welt mit ihren Fesseln hin und her, damit ich bliebe, während der Herold des Glaubens mich aufrief: „Mach dich auf den Weg!“.

Der Weg des Sufis ist eine ständige Reise aus der Finsternis ins Licht, ständig die Nähe des Schöpfers und Erhalters suchen, bis eine Bindung entsteht, die nie aufgelöst werden kann. Eine Reise, die diejenigen unternehmen, die bereit sind, sich von den irdischen Abhängigkeiten frei zu machen, um eine Abhängigkeit von Gott zu erleben.

Die islamische Mystik wurde in Europa erst Ende des 13.Jh. durch die Gestalt von Rabi’a al-Adawiyya, als die große Heilige des 8.Jh., bekannt. Von ihrem Leben gibt es wenige Berichte; die vorhandenen meist legendären Erzählungen weisen auf eine hohe Persönlichkeit ihrer Zeit hin. Sie war eine bedeutende Gründerin der islamischen Mystik und lehrte zahlreiche große Mystiker der islamischen Geschichte. In der frühislamischen Zeit waren zahlreiche Frauen, die als Heilige genannt wurden. Sie erreichten den höchsten Rang „ Freunde Gottes“ zu sein und hatten große Entfaltungsmöglichkeiten.

Attar, der namhafte iranischer Dichter schreibt über Rabi’a „ Jene, die man betreffs der heiligen Zurückgezogenheit besonders hervorheben muss, jene Frau, verschleiert mit dem Schleier religiöser Lauterkeit, jene, verliebt in die Sehnsucht, sich ihrem Herrn zu nähern und in seine Glorie einzugehen, jene Frau, die sich selbst verloren hat in der Vereinigung mit dem Göttlichen, jene, von den Menschen geachtet als eine zweite makellose Maria- Rabi’a al Adawiyya- möge Gott ihr gnädig sein! Wenn jemand fragen würde: „ Warum hast du sie zusammen mit den Männern erwähnt?“ würde ich antworten: „ Gott schaut nicht auf die äußere Gestalt:“ Es gibt ähnliche Aussagen über Rabi’a, die ihre Anerkennung und ihren Rang in der damaligen Zeit beschreiben. Sie alle sahen ihr Geschlecht nicht als Hindernis auf ihrem ungewöhnlichen Weg und vermitteln die Meinung, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Geschlecht fähig ist, die höchste Stufe des „Menschsein“ zu erreichen. Es ist eine Sache des Herzens und Handelns; das Tor zum derartigen Leben steht jedem stets offen.

Rabi’a ist nach den meisten Überlieferungen am Anfang des 8. Jahrhundert ( ca:710) in Basra geboren und lebte die meiste Zeit ihres Lebens in dieser Stadt. Basra war im 8. und 9. Jh. eine blühende Handelsstadt sowie ein Hochburg der arabischen Kultur. Ihre Familie lebte in großer Armut. Es wird erzählt, dass in der Nacht ihrer Geburt kein Öl im Hause war, um ein Licht zu zünden. Als ihr Vater vor Kummer wegen der Versorgung für das Kind einschlief, träumte er vom Prophet Muhammad, der sagte:“ Sei nicht unglücklich, denn diese Tochter, die da geboren, ist eine große Heilige, deren Fürsprache von siebzigtausend meiner Gemeinschaft erbeten werden wird.“ Es sind einige Frauen im Qur’an, denen besondere Stellung in ihrem Wirkungsbereich zugesprochen wird: Maria, die Königin von Saaba, die Mutter und die Schwester von Moses, die Frau von Pharao, Sara und Hagar sind Frauen, die im Qur’an als Auserwählte, Gottes Nahestehende, Begabte, Empfänger der verbalen Inspiration Gottes (wahy) ausgezeichnet sind. Es ist nicht ungewöhnlich, dass diese Lehre von Anfang an Frauen hervorbrachte, die die islamische Geschichte mitgeprägt haben. Um so mehr ist es zu bedauern, dass die Lebensweise dieser Frauen wenig erwähnt und wahrgenommen wird. Wenn auch die Stellung der Frau in den muslimisch geprägten Gesellschaften unter dem patriachalen Gedankengut eine negative Entwicklung durchlaufen ist, werden die namhaften Frauen in der islamischen Geschichte immer präsent sein und immer wieder in die Erinnerung gerufen werden. Sie sind ständige Zeuginnen für ein Leben in Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit. Sie sind Zeuginnen dafür, sich bewusst zu machen, dass ein Leben in Nötigung und Unterdrückung nicht Gottgewollt, sondern ein menschliches Vergehen ist.

Die Geburt von Rabi’a schenkte der Familie auf wunderbare Weise eine Rettung vor der Armut, die aber nicht lange anhielt. Rabi’a verlor ihr Eltern sehr früh, in Basra brach Hungersnot aus, so dass sie von ihren Schwestern getrennt wurde. Sie wurde auf der Straße von einem Mann ergriffen, der sie als Sklavin verkaufte. Ihr Besitzer ließ sie hart arbeiten. Ihr aktiver Weg in das asketische Leben begann an einem Tag , als sie von einem fremden Mann floh. Es wird erzählt, dass sie beim Weglaufen stolperte, mit dem Gesicht im Staub lag und sich ihr Handgelenk verrenkte. Als sie auf dem Boden lag, sagte sie:“ O Herr, ich bin unerfahren und habe weder Mutter noch Vater, bin eine Waise und eine Sklavin, ich bin in Gefangenschaft geraten, und mein Handgelenk ist verletzt, jedoch gräme ich mich deshalb nicht, ich möchte nichts anderes, als Dich zufrieden zu stellen. Ich wäre froh, wenn ich wüsste, ob Du mit mir zufrieden bist oder nicht.“ Sie hörte eine Stimme, die ihr sagte:“ Sei nicht betrübt, denn am Tage der Auferstehung wirst du einen Rang einnehmen, um den jene, die Gott im Himmel am nächsten sind, dich beneiden.“ Die wenige Berichte über das Leben von Rabi’a lassen offen, wie sie zu diesen Erkenntnissen gekommen ist. Sie muss von Beginn ihres Weges von einer inneren Kraft und einem natürlichen Verlangen begleitet gewesen sein. Durch Leid und Not in ihrem Leben war sie besonders sensibel, ihr Leben Gott anzuvertrauen und fühlte sich nur in Gottes Nähe geborgen und geschützt. Es wird berichtet, dass sie ab diesem Zeitpunkt neben ihrem Dienst als Sklavin viel betete und fastete. Aus dieser Zeit stammen die folgende Worte von ihr, die ihre Sehnsucht nach Gott besonders hervorheben:“ O mein Gott, Du weißt, dass es die Sehnsucht meines Herzens ist, Dir zu gehorchen, und dass das Licht meiner Augen Deiner Herrschaft zu Diensten ist. Wenn die Umstände es erlaubten, würde ich nicht eine Stunde aufhören, Dich anzubeten, aber Du hast mich zum Untertan eines Geschöpfes gemacht.“ Der Wortlaut spricht davon, dass sie ihre Gebete nicht dafür nutzte, eine Änderung in ihrer Lage zu wünschen. Sie hat nicht darum gebeten, dass Gott sie befreit, damit sie nur in Seinem Dienste stehe. Sie akzeptierte ihre Situation als von Gott für sie bestimmt und bemühte sich, dem Dienst an ihrem weltlichen Herrn sowie an Gott gerecht zu werden, in dem sie tagsüber beim Fasten ihrer Arbeit nachging und nachts statt sich auszuruhen im Gebet verbrachte.
Ihr Herr gab sie frei, nach dem er bei ihr nach einem Gebet ein Licht sah, das sie umhüllte. Diese umhüllenden Strahlen, Sakina, werden häufig in den Biographien der Sufis erwähnt. Sakina ist die Wolke der Herrlichkeit, die die Gegenwart Gottes zeigt; sie ist das Gewand, in dem derjenige behütet ist, dessen Herz in Ruhe und Zuversicht auf Gott gerichtet ist.

Rabi’a zog sich nach der Befreiung zurück in die Wüste und ging in die Einsamkeit und verbrachte ihre Zeit mit Anbetung.

Es gibt einige wundersame Geschichten, die ihre direkte Verbindung und Gespräche mit Gott darstellen. Als sie einige Tage in der Wüste mit Gebet verbrachte, sprach sie:“ O mein Herr, mein Herz ist verwirrt, wohin soll ich gehen? Ich bin nichts als ein Erdenkloß, und Dein Haus, die Ka’ba, bedeutet mir nichts. Zeige Dich mir an dieser Stätte.“ Die Sehnsucht Gott zu sehen, ist ein Bestandteil des sufischen Lebens. Es wird berichtet, dass Gott unmittelbar Rabi’a auf ihren Wunsch antwortete:“ O Rabi’a, als Moses mein Antlitz schauen wollte, streute Ich einige wenige Funken meiner Herrlichkeit auf den Berg Sinai, und er zertrümmerte in vierzig Teile. Du sollst zufrieden sein mit Meinem Namen.“ Für Rabi’a waren die Äußerlichkeiten nicht von Bedeutung, sie vollzog zwar die Rituale und auch die Pilgerfahrt, erwähnte aber stets, dass ihr Ziel nicht das Haus, sondern der Besitzer des Hauses sei. Sie verbrachte viel Zeit mit den persönlichen demütigen Bitten ( niyaz) und drückte in ihnen ihr Verlangen nach Gott aus. In den Diskussionen prangerte sie die Gebete an, die nur mit Hoffnung auf Belohnung verrichtet wurden.

Zölibat ist in der islamischen mystischen Traditionen nicht obligatorisch, die meisten großen Mystiker hatten Familie und lebten nicht vollkommen abgeschieden von der Welt. Rabi’a hatte angeblich viele Heiratsanträge, unter ihnen auch von bekannten Mystikern, die sie alle zurückwies. Sie beschloss allein und ungehindert ihrer Suche nachzugehen.

Auf einen verlockende Antrag, der ihr gestellt wurde, antwortete sie:“ Verzicht auf diese Welt bedeutet Frieden, während das Verlangen nach ihr Kummer bringt. Zügele deine Wünsche und überwache dich selbst, lasse dich aber nicht von anderen überwachen, jedoch lass sie teilhaben an deinem Erbe und der Sorge um das Zeitliche. Du selbst aber richte dein Sinnen auf den Tag des Todes; was aber nun mich anbelangt, so kann Gott mir alles, was du anbietest, geben und auch doppelt so viel. Es ist mir nicht recht, auch nur für einen Augenblick von Ihm abgelenkt zu werden. So lebe wohl.“

Attar spricht von Rabi’a als „ die in Liebe entbrannte Frau“; Feuer wird in der Sufitradition als ein reines und heiliges Element betrachtet, das zwar Leiden verursacht, aber von Unrat reinigt. Die Sehnsucht des Sufis wird als Feuer Gottes genannt, das Er im Herzen der Suchenden entzündet, dadurch werden alle in ihm vorhandenen Neigungen, Wünsche und Absichten verbrannt, somit wird das Herz nur für die Liebe Gottes rein und empfänglich.

Von Rabi’a gibt es einige Aussagen, die beschreiben, dass ihre Zuwendung zu Gott nicht aus Furcht vor Strafe oder Hoffnung auf Belohnung war, diesbezüglich wehrte sie sich stets gegen die traditionelle Denkweise: „ O mein Herr, wenn ich Dich anbete aus Furcht vor der Hölle, verbrenne mich in der Hölle, und wenn ich Dich anbete aus Hoffnung auf das Paradies, schließe mich davon aus, aber wenn ich Dich anbete um Deiner selbst willen, dann versage mir nicht Deine ewige Schönheit.“ Es ist eine Art Hingabe und Anbetung Gottes, die für viele Menschen nicht nachvollziehbar ist, denn die bildhafte Darstellungen von dem Jüngsten Tag und die Vorstellung von Paradies und Hölle als etwas physisches prägt bis heute die religiöse Erziehung und Wahrnehmung. Es ist leider selten, dass das tiefe Qur’anische Gottesverständnis gelehrt wird. Im Qur’an spricht Gott stets von Seinen Zeichen, die in der Natur zu beobachten sind. Wenn der Mensch diesem Aufruf nachgeht, entdeckt er die Anwesenheit Gottes in allen Geschöpfen und in der Schönheit der Schöpfung. Er sieht, wie Gott mit Barmherzigkeit und Liebe sich den Menschen zuwendet und sie begleitet. Auf diesem Weg Gott zu erkennen öffnet ihm das Herz und erfüllt ihn mit Liebe; Hingabe zu Ihm wird nicht mehr als zwanghafte Pflicht verstanden, sondern als sich einer Kraft anvertrauen, die sich zur Pflicht gemacht hat, „alle Seine Geschöpfe mit Barmherzigkeit zu umfassen.“

Rabi’a prangerte anschaulich diese Art der Gläubigkeit an, in dem sie eines Tages auf die Straßen von Basra lief und in einer Hand einen Eimer Wasser und in der anderen eine Fackel trug. Als sie gefragt wurde, was dies bedeute, antwortete sie mit tiefer Trauer:“ Ich gehe, um Feuer ans Paradies und Wasser in die Hölle zu gießen, so dass beide Schleier für die Pilger völlig verschwinden mögen, und ihr Ziel gewiss sei, so dass die Diener Gottes Ihn schauen möchten ohne irgendeinen Gedanken der Hoffnung oder das Motiv der Furcht. Was wäre, wenn die Hoffnung auf Paradies und die Angst vor der Hölle nicht existierten? Nicht einer würde seinen Herrn anbeten oder Ihm gehorche.“

Das asketische Leben und ihr Verständnis vom Glauben machte die Sufis nicht selten zu Außenseiter, einige von ihnen wurden sogar wegen Verleumdung und Unglaube ermordet.

Rabi’a aber hatte wie erwähnt zahlreiche Schüler , die meisten von ihnen namhafte Mystiker, die mit Hochachtung bei ihr die Geheimnisse der Mystik erlernten. Bekannte Mystiker wie al-Ghazali und Al-Suhrawardi beziehen in der Hauptlehren des Sufismus auf Rabi’a. Sie wurde als Lehrerin und Führerin auf dem Pfad des Sufismus sehr verehrt. Dieser unbefangene Umgang zwischen den Geschlechtern in den Anfängen der islamischen Zeit zeigt, dass die rigorose Geschlechtertrennung, die in manchen Traditionen bis heute üblich ist, keine theologische Grundlage hat, sondern eine Entwicklung in den muslimisch geprägten Länder ist. Aus diesem Grund ist es wichtig, Gestalten wie Rabi’a nicht nur als wichtige Persönlichkeiten wahrzunehmen, sondern die Botschaft in ihrer Lebensweise zu entdecken, die für uns heute eine Weisung und Orientierung anbieten, sich gegen die herrschenden Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen zu erheben, die im Namen des Islam geschehen.

Der Weg der Sufis beginnt mit „Tauhid“ der die Aufgabe des persönlichen Willens in den Willen Gottes bedeutet. Die nächste Stufe ist „tawakkol“, das vollständiges Vertrauen in Gott, danach erreicht man die „schaugh“, die leidenschaftliche Sehnsucht nach Gott, die mit starken seelischen Regungen verbunden ist. Nach dieser Stufe erlangt man die Vertrautheit mit Gott, in dem man alles annimmt in Vertrauen darauf, dass alles, was von Gott kommt einen Sinn und ein Ziel hat und für den Mensch von Vorteil ist. Die letzte Stufe auf diesem Weg ist „riza“, die objektive und subjektive Zufriedenheit. Dies bedeutet, dass Gott zufrieden mit dem Menschen ist und dass der Mensch zufrieden mit Gottes Beistand ist.

Rabi’as Lehre beinhaltet diese Stufen, die sie auch in ihrem Leben praktisch durchlaufen und vorgelebt hatte.

Rabi’a fühlte und lehrte, dass die Sünde für die Seele in höchstem Maße verderblich sei. Es war nicht die Furcht vor der Bestrafung, sondern sie war der Meinung, dass die Sünde die Trennung der Seele von dem Geliebten bedeute. Die Furcht vor dieser Trennung ließ kein Raum für die vergängliche Freude, und dies war auch in ihrem seelischen Zustand erkennbar; sie war stets von Kummer und Traurigkeit begeleit. Die Nichtteilhabe an vergänglichen Freuden bezeichnete sie als Reue, die sie als Geschenk Gottes verstand und nicht als etwas, was die Gläubigen durch ihre eigene Bemühung erreichten. Nur Gott hat nach ihre Meinung die Macht, das Herz des Sünders zu rühren, so dass er sich von der Sünde abwendet und Reue zeigt. Aus diesem Grund ist die Vergebung mit Reue gewährt, da Gott zu Reue führt, kann Er nicht die Vergebung zurückhalten.

Die Geduld gehört nach der Rabi’s Lehre zum Glauben, wie der Kopf zum Körper gehört. Ihr asketisches Leben forderte viel Geduld und Ausharren in Situationen, die bis an die äußersten Grenzen des Erträglichen gehen. Rabi’as Leben ist eine klare Lehre für die Übung in dieser Tugend. Es gibt einige Erzählungen, die davon berichten, wie sie in ihre jungen Jahren als Sklavin schlecht behandelt wurde und hart arbeiten musste und wie sie mit Großmut und Würde alles ertrug. Sie ermahnte diejenigen, die über ihr Leid klagten und sagte, dass es ihr Anliegen sei, sich in den Willen Gottes zu fügen. „Wenn ich etwas will, und mein Herr will es nicht, mache ich mich des Unglaubens schuldig.“ Diese Aussage von Rabi’a beschreibt, wie es für sie möglich war, geduldig die Situation zu ertragen, in der sie gerade war und abzuwarten. Für sie bedeutete das Klagen über Leid Zweifel an die Weisheit Gottes und Mangel an Vertrauen zu Ihm.

Dankbarkeit ( schukr) ist die Eigenschaft, die die Geduld ergänzt, sie ist ein wichtiges Element des Glaubens, wie Rabi’a lehrte und selbst danach lebte. Da alles von Gott kommt, ist die Dankbarkeit das Gefühl der Freude über die Gaben, aber auch Demut gegenüber dem Geber. Folgende Geschichte erzählt, wie Rabi’a die Dankbarkeit verstand: Es wird berichtet, wie sie einmal jemanden sah, der einen Verband um den Kopf gebunden hatte. Sie sagte: „Warum dieser Verband?“ Er sagte:“ Mein Kopf tut mir weh. „ Rabi’a fragte ihn, wie alt er sei. “Dreißig Jahre“, erwiderte er. Da sagte sie :“Dreißig Jahre lang hat Gott deinen Kopf gesund erhalten, und du hast nie die Binde der Dankbarkeit darum gebunden, aber wegen einer Nacht der Schmerzen bindest du deinen Kopf ein mit dem Verband der Klage.“ Rabi’a ging in ihrer Dankbarkeit über die Grenzen hinaus, die nicht von allen Sufis vermittelt wurden. Sie schrieb ihre Leiden auch dem Willen Gottes zu und wünschte nicht, von ihnen befreit zu werden, weil sie der Meinung war, dass sie sich nicht ihrem Geliebten entgegenstellen könne.

Hoffnung und Furcht gehören nach der Sufilehre zum Glauben. Die Furcht besteht dabei nicht vor der Bestrafung, sondern vor der Trennung vom Geliebten. Von Rabi’a gibt es einige Erzählungen, die ihre Furcht vor diese Trennung von Gott bezeichnen und auch Aussagen, in denen sie versuchte, ihre Schüler diese Art Furcht zu lehren: „ Wer Gott durch Liebe ohne Furcht kennt, geht Zugrunde durch Vergnügen und Bequemlichkeit. Wer Ihn ausschließlich durch Furcht kennt, ist getrennt von Ihm durch den Geist der Knechtschaft und Anfechtung. Wer Ihn aber liebt und Ihm nahe ist, und es ist ihm wichtig, und er weiß um Ihn, so wie derjenige, der Gott wahrhaftig kennt, ist weit vom Irrtum, und wer dem Tode seine wahre Bedeutung zuerkennt, wird der Furcht nicht uneingedenk sein.“ Rabia`s Lehre beschreibt nicht jene Angst, die zu Passivität und Lähmung führt, sondern die Furcht, durch Unachtsamkeit den Geliebten zu verlieren. Die Sufis sprechen von einer „süßen Furcht“, die das Herz erfrischt und die Liebe stärkt.

Die Hoffnung auf Begegnung mit Gott und „die Schau Seiner vollkommenen Schönheit“ ist die Kraft, die Furcht auszuhalten und sich vorwärts und aufwärts zu Ihm bewegen. Furcht und Hoffnung werden als zwei Fesseln der Seele genannt, die sie daran hindern, den geraden und sicheren Pfad zu verlassen. Rabi’a ist möglicherweise die erste muslimische Mystikerin, die mit der Lehre von Furcht und Hoffnung eine selbstlose Liebe zu Gott verband und diese als hohes Ideal lehrte und das Paradies als einen geistigen Zustand betrachtete, die ein Mensch durch diese Liebe erreichen könnte.

Armut und Verzicht um Gottes Willen war für Rabi’a verdienstvoll und die Phase der vollständigen Selbstaufgabe, die die Vereinigung mit Gott ermöglichte. Die Vertrautheit mit Gott und das Eintauchen in Seine Liebe war für sie nur durch diese Selbstaufgabe möglich.

Rabi’a lebte in dieser Liebe und lehrte, wie man sie erreichen kann. Ihr Lebensweg war beschwerlich, für sie aber der einzige Weg, ihre uneingeschränkte und unbeschreiblich Liebe zu Gott zu erfahren und zu erleben. Diese Liebe war ihr gesamtes Dasein, und für nichts anderes hat sie gelebt. Sie war die erste, die einen uneigennützigen Glaube an Gott lehrte, die für viele Sufis ein neues Konzept war. Denn sie dienten Gott in Hoffnung auf ewige Belohnung und aus Angst vor der Strafe. Sie wollte nur erreichen, dass Gott mit ihr und sie mit ihm zufrieden ist. Ein Zustand, der im Qur’an für diejenigen beschrieben ist, die die höchste Stufe im Paradies erreichen. Rabi’a antwortete auf die Frage, wann der Diener mit Gott zufrieden sei, mit folgenden Worten:“ Wenn seine Freude im Leid dieselbe ist wie seine Freude im Wohlergehen.“

Rabi’as Gesundheit war schwach als Folge ihrer unaufhörlichen Askese und wegen der Mühsal ihrer Jugend. Sie starb nach einigen Überlieferungen im Jahr 801 und erreichte die Vereinigung, wofür sie gelebt hatte. Sie begegnete den Tod einerseits mit Furcht davor, dass ihre Sünden sie von Gott trennen würden; anderseits sah sie im Tod die Hoffnung auf Begegnung und die ewige Vereinigung mit Ihm.

Es wird berichtet, dass an ihrem Sterbebett viele Menschen versammelt waren. Sie bat sie, für einen Augenblick hinauszugehen und den Weg für den Botschafter Gottes freizumachen. Als die Tür geschlossen wurde, hörte man ihre Stimme, die das Glaubensbekenntnis sprach, und dann hörte man eine andere Stimme, die folgende Verse aus dem Qur’an sprach:“ O du ruhige Seele, kehre zurück zu deinem Schöpfer und Erhalter, erfüllt von Ihm und Ihn zufriedenstellend. So tritt ein unter Meine Diener und tritt ein in Mein Paradies.“ Dies war der letzte Laut, den man von Rabia’s Stätte hörte.

Nach ihrem Tod wurde sie in einem Traum gesehen, die auf die Frage nach ihrer Lage antwortete: „ Ich habe erreicht, was ich geschaut habe.“

Rabia’s Weg war einzigartig und kann nicht von vielen bestritten werden. Ein Lichtstrahl von ihrer Liebe zu Gott kann Wunder bewirken und die Herzen erleuchten. Möge Gott diesen Strahl auch uns zu kommen lassen, damit wir in Liebe und Vertrauen auf Ihn unser Leben gestalten und den Sinn erfüllen, wofür wir geschaffen sind:“ im Dienste Gottes und seiner Schöpfung bewusst zu leben.“

Hamideh Mohagheghi


Frauenthemen
HUDA-Stellungnahme zu Kopftuchurteil

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